Eltern mit Migrationshintergrund und interkulturelle Elternkooperation

Der Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen in Deutschland wird nicht nur von dem sozioökonomischen Status und der sozialen Herkunft der Eltern beeinflusst, sondern auch von deren Migrationserfahrung und der damit einhergehenden Benachteiligung, die ihre Kinder im Erziehungs- und Bildungsbereich erfahren (vgl. Alpbek 2017, S. 173; Glorius 2014, S. 179). So haben Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund schlechtere Chancen auf eine erfolgreiche Schullaufbahn als Kinder und Jugendliche ohne Migrationshintergrund (vgl. Glorius 2014, S. 179). Dies hängt oftmals auch mit einer fehlenden Kenntnis sowie Vertrautheit der Eltern mit dem deutschen Schulsystem zusammen, sowie damit, dass die Eltern keine schul- und somit bildungsbezogene Unterstützung für ihre Kinder leisten können (vgl. ebd., S. 182, 190).

Eltern mit Migrationshintergrund haben innerhalb von Erziehungs- und Bildungseinrichtungen häufig mit sprachlichen und/oder kulturellen Barrieren, aber auch Vorurteilen zu kämpfen (vgl. Gomolla 2009, S.30). Darüber hinaus zeigt sich, dass Eltern mit Migrationshintergrund – auch aufgrund dieser Barrieren – in der Elternbeteiligung in Schulen seltener eingebunden sind (vgl. ebd., S.29ff). Somit entsteht erst gar kein Kontakt zwischen Schule und Eltern und eine aktive Beteiligung im Rahmen der Erziehungs- und Bildungsarbeit findet nicht statt. Aufgrund des fehlenden oder unzureichenden Kontaktes haben Eltern mit Migrationshintergrund häufig keine klaren Vorstellungen darüber, was die Einrichtungen von ihnen erwarten und welche Rolle ihnen bei der Bildung und Erziehung ihrer Kinder zukommt (vgl. ebd., S. 30). Eltern mit Migrationshintergrund haben jedoch meist ein großes Interesse am Bildungserfolg ihrer Kinder und sind auch bereit, sie auf ihrem Bildungsweg zu begleiten und zu unterstützen (vgl. Barz et al. 2015, S. 5; Westphal 2009, S. 101). Oft fehlen ihnen jedoch grundlegende Informationen darüber, wie sie dies tun können. Dabei zeigt sich, dass gerade Kinder mit Migrationshintergrund von einer engen Kooperation zwischen Schuleinrichtungen und ihren Eltern profitieren (vgl. SVR 2014, S. 5f).

Vor diesem Hintergrund ist es von Bedeutung, das Thema „Elternbeteiligung in den Schulen“ um den Aspekt der "Migration und der Interkulturalität zu erweitern, um den Einbezug von Eltern mit Migrationshintergrund zu erhöhen. „Interkulturelle Elternkooperation“ stellt somit eine weitere Form der Elternzusammenarbeit dar und beinhaltet vor allem „Maßnahmen zur Verbesserung der Zusammenarbeit mit Eltern von Kindern mit Migrationshintergrund“ (Westphal 2009, S. 89). Aufgabe der Erziehungs- und Bildungseinrichtungen ist es folglich, Konzepte der interkulturellen Elternkooperation zu entwickeln, die den differenzierten und wertschätzenden Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt fokussieren (vgl. ebd., S.98).

In den letzten Jahren wurden daher Programmen, Maßnahmen und Handlungsempfehlungen entwickelt, um interkulturelle Elternkooperation zu fördern und in den Bildungseinrichtungen zu etablieren (siehe die Praxisbeispiele am Ende der Seite). Im Rahmen interkultureller Elternkooperation wird die Vielfalt der Elternschaft berücksichtigt und akzeptiert sowie als wichtige Ressource in die pädagogische und schulische Arbeit einbezogen (vgl. KMK 2013, S. 3; Westphal 2009, S. 98).

Dabei wird vor allem die Bedeutung einer offenen, sensiblen und anerkennenden Haltung der pädagogischen Fachkräfte gegenüber den Eltern betont, wofür es interkulturelle Kompetenzen der Lehrkräfte bedarf (vgl. Westphal 2009, S. 95ff). Dies bedeutet für die Lehrkräfte, auf migrantische Eltern mit Migrationshintergrund sowie ihre Unsicherheiten und Misstrauen einzugehen und sich stärker mit den vielfältigen Hintergründen auseinanderzusetzen. Hierfür müssen Konzepte und Angebote entwickelt werden, die die Anliegen und Bedarfe dieser Zielgruppe berücksichtigen und gleichzeitig ihre Erziehungsverantwortung stärken. Besonders wichtig dabei ist, dass Eltern über Mitwirkungs- und Beteiligungsmöglichkeiten informiert und darin unterstützt werden, diese wahrzunehmen.

 


Dieser Beitrag basiert auf folgenden Quellen:

Alpbek, Mehmet (2017): Schule und Kindertageseinrichtungen, in: Groß, Torsten/Huth, Susanne/Jagusch, Birgit/Klein, Ansgar/Naumann, Siglinde (Hrsg.) (2017): Engagierte Migranten. Teilhabe in der Bürgergesellschaft, Wochenschau Verlag, Schwalbach/Ts, S. 173-178.

Barz, Heiner/Barth, Katrin/Cerci-Thoms, Meral/Dereköy, Zeynep/Först, Mareike/Le, Thi Thao/Mitchnik, Igor (2015): Große Vielfalt, weniger Chancen. Eine Studie über die Bildungserfahrungen und Bildungsziele von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland, Stiftung Mercator, Vodafone Stiftung Deutschland. [31.07.2019]

Glorius, Birgit (2014): Bildungsbenachteiligung durch Migration? Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem, in: Gans, Paul (Hrsg.) (2014): Räumliche Auswirkungen der internationalen Migration, Forschungsberichte der ARL 3, S. 178-199.

Gomolla, Mechtild (2009): Elternbeteiligung in der Schule, in: Fürstenau, Sara/ Gomolla, Mechtild (Hrsg.) (2009): Migration und schulischer Wandel: Elternbeteiligung, VS Verlag, Wiesbaden, S. 21-49.

Kultusministerkonferenz (KMK) (2013): Interkulturelle Bildung und Erziehung in der Schule. [31.07.2019]

Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) (2014): Eltern als Bildungspartner: Wie Beteiligung an Grundschulen gelingen kann. [31.07.2019]

Westphal, Manuela (2009): Interkulturelle Kompetenzen als Konzept der Zusammenarbeit mit Eltern, in: Fürstenau, Sara/ Gomolla, Mechtild (Hrsg.) (2009): Migration und schulischer Wandel: Elternbeteiligung, VS Verlag, Wiesbaden, S. 89-105.

 

Weiterführende Literatur und Praxisbeispiele:

Erler, Wolfgang/Gorecki, Claudia/Purschke, Petra/Schindel, Andrea (2009): Interkulturelle Elternarbeit zur Sicherung von Erfolg im Übergang Schule-Beruf, BQN Berlin. [31.07.2019]

Koordinierungsstelle FörMig - MV bei der RAA-MV e.V.: Checkliste zur interkulturellen Elternarbeit: Bestandsaufnahme. [31.07.2019]

Netzwerk Interkulturelle Elternprojekte des ESF (2011): Handlungsempfehlungen für eine nachhaltige interkulturelle Elternkooperation. [31.07.2019]

Robbe, Imke (2009): Interkulturelle Elternarbeit in der Grundschule, BIS-Verlag, Oldenburg. [31.07.2019]

Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung Bayern (2013): Sch.i.f.f. Rundbrief 3 – Bildungs- und Erziehungspartnerschaft zwischen Schule und Eltern mit Migrationshintergrund. [31.07.2019]

Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie Berlin (2008-2016): Fachbriefe für die Kooperation von Schule und Eltern mit Migrationshintergrund Nr. 1-12. [31.07.2019]

Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung Berlin (2010): Kooperation von Schule und Eltern mit Migrationshintergrund – Wie kann sie gelingen? Eine Handreichung für Schulen in sozial benachteiligten Quartieren. [31.07.2019]

Tunç, Michael (2018): Väterforschung und Väterarbeit in der Migrationsgesellschaft, Springer VS, Wiesbaden.