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Bundeselternnetzwerk der Migrantenorganisationen für Bildung & Teilhabe (bbt)
06.03.2026
„Sei nicht so wütend! Sei nicht so aggressiv. Nicht so laut.“
– diese Sätze kennen viele Frauen*. Schon früh lernen Mädchen, ihre Wut zu kontrollieren, leiser zu werden oder Konflikte zu vermeiden. Wut gilt als unangemessen, insbesondere, wenn sie von Frauen geäußert wird. Wer laut wird, muss mit sozialen Sanktionen rechnen: Sie gelten als zu aggressiv für eine Führungsposition, als zu emotional, um ernst genommen zu werden, oder als nicht „weiblich“ genug.
Für viele migrantische oder rassifizierte Frauen ist der Umgang mit Wut noch stärker reguliert. Ihnen wird oft vermittelt, dass sie sich besonders anpassen oder unauffällig verhalten müssen, um negative Zuschreibungen zu vermeiden. Gleichzeitig erleben sie im Alltag nicht nur Sexismus, sondern auch Rassismus in Form von abwertenden Kommentaren, Diskriminierung oder Situationen, in denen ihre Perspektiven nicht gehört werden. Ihre Wut ist berechtigt, doch der gesellschaftliche Raum, um sie auszudrücken, ist begrenzt.
Dabei zeigt Wut, dass etwas nicht stimmt! Sie entsteht oft, wenn Menschen Ungerechtigkeit erleben, Frustration empfinden oder das Gefühl haben, nicht gehört zu werden.
Wohin also mit dieser Wut?
Der persönliche Umgang damit ist unterschiedlich. Die einen sprechen mit Freund*innen oder der Familie darüber, die anderen schreiben ihre Gedanken auf. Wieder andere versuchen, ihre Wut zu kontrollieren oder gar nicht erst zuzulassen. Denn Wut ist eine Emotion, die schwer auszuhalten sein kann, wenn man sie nicht rauslassen kann.
In feministischen Debatten wird Wut jedoch schon lange als politische Emotion verstanden. Wut kann Ungleichheit sichtbar machen und bestehende Machtverhältnisse infrage stellen. Systeme, die von Ungleichheit profitieren, haben daher ein Interesse daran, diese Emotion zu delegitimieren oder zu kontrollieren. Die Autorin und Aktivistin Audre Lorde beschrieb Wut als legitime Reaktion auf Rassismus und Sexismus. In ihrem Essay „The Uses of Anger” argumentiert sie, dass Wut keine bloße Problematik darstellt, sondern eine Form der Klarheit schaffen kann. Sie macht Ungerechtigkeit sichtbar und kann Menschen dazu motivieren, sich mit ihr auseinanderzusetzen. „Meine Reaktion auf Rassismus ist Wut. Diese Wut hat mich mein ganzes Leben begleitet“, schrieb Lorde.
Aus Wut kann Mut entstehen. Mut, kritische Fragen zu stellen. Mut, Ungerechtigkeit zu benennen. Mut, sich mit anderen zusammenzuschließen und Veränderungen einzufordern. Wenn Frauen ihre Erfahrungen teilen und solidarisch handeln, kann aus einer persönlichen Emotion eine kollektive Kraft entstehen. Wenn Erfahrungen ausgesprochen werden, wird sichtbar, dass man mit dieser Wut nicht allein ist.
Heute, am Internationalen Frauentag, ist unser Aufruf: Seid wütend!
* Formen patriarchaler Disziplinierung, die den Ausdruck von Wut kontrollieren oder sanktionieren, betreffen auch viele queere Menschen.
Lorde, Audre (1984): The Uses of Anger: Women Responding to Racism. In: Lorde, Audre: Sister Outsider: Essays and Speeches. Freedom, CA: Crossing Press.